Begleiten Sie Anna, Führungskraft, durch ihren Alltag, nehmen Sie Anteil an ihren persönlichen Reflexionen und erhalten Sie regelmäßig Impulse, Perspektiven und Geschichten – alle drei Monate, direkt aus der Praxis von Führungskräften, die sich zwischen Anspruch und der Wirklichkeit des Alltags und organisationaler Rahmenbedingungen bewegen.
In dieser Ausgabe begleiten wir Anna auf einen Strategietag, bei dem ein Thema plötzlich Raum bekommt, das schon lange mitschwingt: Beteiligung. Was bedeutet es wirklich, Menschen einzubeziehen – und was passiert, wenn dabei Verantwortung übernommen wird? Es geht um ehrliche Gespräche, um den Mut, Dinge auszusprechen, bevor sie perfekt sind – und um die Erkenntnis, dass ausgewogene Beteiligung im Führungsalltag kein nettes Extra ist, sondern eine Haltung.
Was verändert sich, wenn Beteiligung nicht länger einfach passiert – sondern bewusst gestaltet wird?
Ein Thema, das immer mitläuft
Am heutigen Strategietag landen wir bei einem Thema, das schon lange da ist, aber bisher nie wirklich explizit im Fokus stand. Es geht nicht um ein konkretes Projekt, keine anstehende Entscheidung, nichts, das nach einer schnellen Lösung verlangt – eher etwas, das im Alltag immer wieder mitschwingt und jetzt einmal bewusst Raum bekommt.
Beteiligung.
Man merkt sofort, dass alle dazu eine Meinung haben. Gleichzeitig liegt da noch etwas anderes im Raum, ein Gedanke, der nicht ausgesprochen wird, aber trotzdem spürbar ist: Hoffentlich läuft das jetzt nicht auf neue Formate hinaus oder auf noch mehr Abstimmung. Ich merke, dass ich genau das auch denke.
Drei Situationen – und sofort wird es konkret
Die Geschäftsführung greift das Thema ruhig auf und sagt: „Ich möchte, dass wir uns das heute einmal bewusst anschauen.“ Dann zeigt sie drei Sätze auf einer Folie:
Wir fragen – und am Ende passiert nichts damit.
Wir fragen lieber gar nicht erst, weil wir wissen, was wir damit lostreten.
Wir verlassen uns auf Gespräche im Alltag – und tun so, als würde das schon reichen.
„Das sind Situationen, die ich immer wieder erlebe. Wo erkennt ihr euch wieder?“
Die Reaktion kommt sofort. Einige schmunzeln, andere nicken, und es entsteht dieses leise Gefühl von: Das kennen wir alle.
„Ich kann mit allen drei Punkten etwas anfangen“, sage ich und muss selbst kurz lachen. „Bei mir ist es oft der erste.“ „Mitarbeiterbefragung“, sagt jemand, „und danach steht man da und fragt sich: Was heißt das jetzt eigentlich?“ „Oder der Workshop letztens“, wirft eine andere Person ein, „super Stimmung, viele Ideen – und am Ende blieb offen, was damit passiert.“
„Ich finde den dritten Punkt wichtig“, sagt jemand. „Ich will nicht alles formalisieren, mir ist diese Art von Austausch im Alltag wichtig.“
„Ja“, kommt direkt zurück, „aber genau das kann auch schwierig werden. Wenn niemand weiß, wann so ein Gespräch eigentlich zählt.“
Und bei Punkt zwei geht ein Grinsen durch die Runde. „Den Move macht man halt auch“, sagt jemand. „Wenn du genau weißt, was du damit lostrittst.“ Ein paar lachen, niemand widerspricht.
Woran wir eigentlich hängen
Je länger wir darüber sprechen, desto klarer wird: Es geht nicht darum, ob wir beteiligen oder nicht. Es geht darum, was dabei eigentlich passiert.
Ich höre eine Weile zu und merke, wie sich bei mir langsam ein Gedanke formt. „Wenn ich Menschen einbeziehe, dann ist das mehr als eine Frage“, sage ich schließlich. „Dann gehe ich ins Gespräch – und dann muss ich auch bereit sein, meine Meinung zu ändern.“
Ich halte kurz inne. „Und gleichzeitig geht das nicht immer. Es gibt Situationen, da will ich einfach nur ein Stimmungsbild, und andere Situationen, da brauche ich das Committment oder das Mitwirken der anderen.“ „Genau das klären wir oft nicht“, sagt jemand. „Oder wir klären es für uns – aber nicht für die anderen“, ergänzt eine andere Stimme.
Ein Satz, der hängen bleibt
Die Geschäftsführung greift den Punkt auf und sagt ruhig: „Beteiligung heißt für mich nicht, möglichst viele einzubeziehen, sondern Verantwortung dafür zu übernehmen, was dadurch entsteht.“ Der Satz bleibt einen Moment im Raum stehen. Niemand greift ihn sofort auf, aber man merkt, dass er etwas trifft. „Mir ging es heute auch gar nicht darum, das direkt zu lösen“, fügt sie dann hinzu. „Sondern erst einmal zu verstehen, was da eigentlich passiert – und bewusster damit umzugehen.“
Es geht um Mut
Wir sammeln weiter: Klarheit im Vorfeld, Dinge im Moment aussprechen, Situationen bewusster erkennen. Alles richtig, und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass wir noch nicht ganz am Kern sind. Während ich zuhöre, spitzt sich bei mir ein Gedanke zu, und ich spreche ihn aus, ohne ihn lange vorzubereiten: „Ich glaube, es geht auch um Mut.“ Kurz wird es still.
„Mut, sich vorher festzulegen, was man will. Mut, es im Gespräch auszusprechen, auch wenn es noch nicht perfekt formuliert ist. Und Mut, sich darauf einzulassen, dass andere dann wirklich Einfluss haben.“ Ich merke selbst, dass der Gedanke noch nicht vollständig ausgearbeitet ist, aber er steht im Raum – und ich merke, er stößt auf Resonanz.
Warum sich das lohnt
Die Geschäftsführung schließt die Diskussion ruhig ab. „Ich finde stark, wie offen ihr gerade darüber sprecht – gerade auch da, wo es unsicher wird. Genau solche Gespräche brauchen wir.“ Dann lässt sie einen kurzen Moment vergehen und ergänzt: „Und das ist kein Kuschelkurs. Wenn wir an diesen Stellen klarer sind, treffen wir bessere Entscheidungen. Wir verlieren weniger Zeit in Schleifen, in Missverständnissen und in unausgesprochenen Erwartungen – und wir nutzen das, was im Team da ist, deutlich besser.“
Ich merke, wie sich mein Blick auf das Thema verändert. Es geht nicht darum, Beteiligung „richtig“ zu machen, sondern diese Momente ernst zu nehmen und bewusster zu gestalten. Am Ende bleibt kein fertiger Plan im Raum, sondern etwas anderes: die gemeinsame Entscheidung, solche Situationen nicht mehr einfach passieren zu lassen.
Wir haben Martin Müller, Geschäftsführer eines Landschafts- und Gartenbaubetriebs mit 45 Mitarbeitenden in der Schweiz, zum Thema Ausgewogene Beteiligung befragt.
„Beteiligung heißt für mich, jedem die Möglichkeit zu geben sich einzubringen. Natürlich gibt es verschiedene Ebenen, wo die Beteiligung auch differenziert wird. Es heißt aber auch Fehler zu zulassen und diese wieder zu korrigieren zu können. Nur wenn diese Prozesse und Learnings gemeinsam erlebt und gelebt werden, entsteht echtes Vertrauen.“
„Mitreden ist bei uns kein einmaliger Anlass, sondern hat ein System. Wir holen die Vorarbeiter und Teams systematisch dazu, schauen gemeinsam auf eine Sache, gehen wieder an die Arbeit und treffen uns erneut. Kein grosser Plan – einfach machen, anschauen, nachbessern. Genau so wird die Zusammenarbeit Jahr für Jahr verlässlicher.“
„Gelernt habe ich vor allem: Es braucht Mut. Den Mut in Diskussionen zu gehen und Fehler zuzulassen. Den Mitarbeitern das Gefühl und die Kompetenz zu geben, dass sie wichtige Entscheidungen mittragen können, ist Goldwert. Ich habe schlussendlich immer ein Vetorecht und kann auch sagen: Ich habe euch gehört, entscheiden tue ich – warum, hört ihr morgen.‘ Das ist kein Kuschelkurs. Aber seit ich da klarer bin, drehen wir weniger Schlaufen und holen mehr aus dem Team raus.“
Ein paar Tage später
Ein paar Tage später sitze ich mit meinen Teamleitungen zusammen. Ein Thema wird diskutiert, mehrere Perspektiven kommen zusammen, und ich merke schnell, wie sich eine Dynamik aufbaut: viele gute Punkte – und es wird immer heißer und detaillierter diskutiert. Ich spüre dieses kurze Zögern. Dieses „lass es noch laufen“. Genau so hätte ich es früher gemacht. Ich warte noch zwei Beiträge ab und sage dann: „Ich stoppe einmal kurz.“ Es wird ruhig. „Ich sage einmal, was ich hier gerade tue: Ich sammle eure Perspektiven, um mir ein Bild zu machen. Die Entscheidung treffe ich. Dafür habe ich jetzt genug gehört. Ich gebe euch morgen eine Rückmeldung, wie wir vorgehen – und warum.“ Kurz ist es still, dann nickt jemand. „Gut.“
Ich denke an den Strategietag und an den Satz: Es geht um Mut. Genau das war es in diesem Moment – der Mut, das Gespräch zu unterbrechen, den Rahmen klar zu setzen und auch wieder zu schließen. Und vor allem der Mut, transparent zu machen, was mit dem passiert, was in diesem Raum entstanden ist. Sicherlich nicht perfekt. Aber spürbar anders.
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